Rolf Kerler (1941-2015) hat mit seinem kleinen Buch „Was MACHT Geld“ verschiedenste Aspekte des Themas „Geld“ angesprochen.
Ein Aspekt ist der, dass das Teilen die Grundgeste des Geldes sei. Dieser Aspekt hat mich angeregt, ihn weiter zu verfolgen. Ich habe begonnen, mich mit der Geschichte dessen, was einmal als Geld galt und heute noch gilt, auseinanderzusetzen.
Dabei ist mir klar geworden, dass es immer die Menschen waren, die das Geld zu ihren Diensten gebildet haben. Die getroffenen Übereinkünfte hatten meist das Ziel, den Handel und das Wirtschaften sicherer und effizienter zu machen.
Dieser Blog soll aufnehmen, was schon zu dem Thema geschrieben wurde und hoffentlich einen übergeordneten Standpunkt gewinnen, von dem aus die Metamorphose der Grundgeste sichtbar wird.
Hier nun, was Rolf Kerler schrieb:
Teilen – die menschliche Gebärde des Geldes
Eine Urgebärde des wirtschaftlichen Lebens ist das Miteinander Teilen.
Von den Anfängen der menschheitlichen Entwicklung an teilen sich die Menschen innerhalb familiärer Strukturen das, was die Natur den Menschen an Früchten schenkt. Dieses Teilen ging der Entwicklung der Tauschwirtschaft voraus. Man teilte sich das tägliche Brot.
Die Fähigkeit und das Bedürfnis des Teilens sind tief in der menschlichen Seele verwurzelt. In Zeiten großer wirtschaftlicher Not ist es ganz selbstverständlich, dass man das, was man hat, mit Verwandten, Freunden, ja mit unbekannten Menschen teilt. Je mehr die äußere Not schwindet, desto mehr droht aber die Bereitschaft zum Teilen zu verschwinden.
Im Bild der «Speisung der 5.000» (Mt. 14,15) kommt die Qualität des Teilens urbildlich zum Ausdruck: Im Teilen selbst, in dieser menschlichen Gebärde, in diesem Ausdruck des Menschseins, liegt eine magische Kraft, welche Not überwinden kann. Teilen schafft Fülle, schafft soziales Leben, schafft mehr an Leben, als vorher da war.
Dafür steht das Brot. In dem Spruch: «Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freud‘ ist doppelte Freud», steckt eine tiefe Weisheit.
Eine nächste Stufe des Teilens liegt in der Arbeit. Die Wirtschaftsgeschichte der Menschheitsentwicklung zeigt, welche Kraft und welche Fülle, welches wirtschaftliche Leben in der Arbeitsteilung liegt. Man muss sich nur einmal klarmachen, welche Produktivität frei wird durch das Teilen. Arbeitsteilung ist die Grundlage für vielfältigste Zusammenarbeit.
Eine dritte Stufe des Teilens liegt darin, das zu teilen, was im wirtschaftlichen Prozess gemeinsam an Überschüssen erwirtschaftet wurde. Da wird das Teilen zur bewussten sozialen Handlung, zur gegenseitigen Existenzsicherung. Dieser Gedanke steht eigentlich im Hintergrund der Initiative, ein Grundeinkommen für alle Bürger eines Landes einzuführen.
Im Grunde ist jede Lohnzahlung eines Unternehmens ein Teilen des gemeinsam erwirtschafteten Überschusses. Dies bleibt nur unbewusst und wird überspielt durch die Vorstellung, die Löhne der Mitarbeiter seien Kosten für geleistete Arbeit, die genauso zu behandeln wären wie die Kosten für Waren, die eingekauft werden: nämlich diese möglichst gering zu halten.
Teilen hat immer den Bezug zu einem Ganzen, das zu teilen ist. Als Teil-Nehmer ist man Glied dieses Ganzen, lebt bewusst dieses Ganze mit.
Je mehr der finanzielle Überschuss als Grundlage für Teilen verstanden und praktiziert wird, desto weniger wächst das Geld weiter. Es wird nicht mehr in Fonds, Investmentanlagen usw. in immer weniger Händen konzentriert und aufgestaut, sondern es «verschwindet» in Menschen, die es sich gegenseitig zuteilen, und kann dort seelisches, geistiges Wachstum anregen. Es kann fruchtbar werden für andere.
Dass Staaten immer mehr Schulden aufhäufen, indem sie Kredite von anderen Staaten oder von privaten Investoren aufnehmen und damit Löcher des täglichen Lebens zu stopfen versuchen, ist das eine Problem. Dass die kreditaufnehmenden Schuldnerstaaten aber, je schlechter es ihnen geht, umso höhere Zinsen zahlen müssen, ist das andere Problem. Es widerspricht jeder Logik des Teilens.
Wenn es jemandem schlecht geht, muss ihm geholfen werden in Form einer Schenkung, durch Schuldenschnitt (auch eine Teilung!), zumindest aber durch einen Nachlass der Zinsen.
Folgt man vielen Kennern der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation in den sogenannten Entwicklungsländern, so ist der Hunger in der Welt nicht durch mehr Produktion zu lösen (es besteht ohnehin in der westlichen Welt vielfach Überproduktion), sondern nur durch Hilfe zur Selbsthilfe, damit Menschen in ihren unmittelbaren sozialen Beziehungen die erwirtschafteten Überschüsse miteinander teilen\index{Teilen von Überschüssen} können. Teilen erfordert Nähe, Anteilnahme, menschliche Begegnung.
Wenn Staaten eine hohe Steuer für Superreiche einführen, wie vor kurzem in Frankreich, verlassen viele dieser Reichen das Land und ziehen in Länder, in denen sie weniger Steuern zahlen müssen – anstatt das, was andere Bürger nicht zahlen können, durch ihren Überfluss auszugleichen. So verständlich die Abneigung gegen die Ausgabenpolitik des Staates ist und gegen sein Unvermögen, das «Casino Banking» einzudämmen oder zu verbieten, so zeigt sich in der Haltung der «Steuerflüchtlinge» doch, dass sie keinen Sinn für Teilen haben.
Die Entwicklung einer Kultur des Teilens steht uns als unabdingbare Notwendigkeit für die gesellschaftliche Entwicklung noch bevor. Das kann nicht deshalb geschehen, weil die Menschen plötzlich moralischer werden, sondern weil erkannt werden wird und muss, welche Entwicklungsnotwendigkeit und -potenzial im Teilen liegt.
Was urzeitlich in der Familie selbstverständlich war, kann und muss sich generell unter Menschen entwickeln – und zwar direkt zwischen ihnen und nicht durch einen bevormundenden Staat. Nur außerhalb seiner Machtsphäre können Fremde zu Brüdern werden. Es ist ein großer Unterschied, ob der Staat zuteilt oder umverteilt oder ob Menschen selbst miteinander teilen. Durch bewusstes Teilen wächst die Chance, dass im entstehenden Zwischenraum Neues, Inspiratives, Initiatives entsteht. Das Allgemein-Menschliche (Brüderliche), an dem alle teilhaben, ist die Grundlage des Wirtschaftens.
Ein eindrucksvolles Beispiel für zukunfts orientiertes Teilen auf wirtschaftlichem Gebiet findet seit einiger Zeit bereits an vielen Orten in Form einer «solidarischen Landwirtschaft» statt.
In verschiedenen Formen haben sich landwirtschaftliche Gemeinschaften gebildet, in denen sich Konsumenten mit einem Landwirt oder einer landwirtschaftlichen Betriebsgemeinschaft zusammenschließen, um das Risiko der landwirtschaftlichen Betriebsführung auf viele Schultern zu verteilen. Am Ende des Arbeitsjahres wird der wirtschaftliche Erfolg, der sich über das Jahr hin ergibt (Gewinn oder Verlust), auf alle Mitglieder der Gemeinschaft, die auch die Hauptabnehmer der Hofprodukte
sind, aufgeteilt.